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Im April 1990 richtete die Volkskammer der DDR an alle Juden eine Bitte um Vergebung für die von Deutschen begangenen Verbrechen. Der Ministerrat verabschiedete im Juli darauf eine Sonderregelung, wonach einreisewilligen sowjetischen Juden und Jüdinnen ein Bleiberecht zu gewähren sei. Damit verbunden war die Garantie für Unterkunft, Verpflegung und Arbeitserlaubnis. [Anm.: Burgauer, 267ff.]

Mit dem Beitritt der neuen Bundesländer zum Geltungsbereich des Grundgesetzes erfolgte die Einreise nunmehr in BRD-Gebiet. Beschlossen durch die Innenministerkonferenz der BRD 1991 , wurde die Zuwanderung für Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wurde bis zum 31.Dezember 2004 durch das Kontingentflüchtlingsgesetz – HumHAG- geregelt. Daher bezeichnet man diese Zuwanderer auch als „Kontingentjuden“. Oder als „Abschiedsgeschenk der DDR“ an die Bundesrepublik.

Kürzlich erzählte mir ein junger Freund, das viele der eingesessenen Juden auf ihn und seine Familie herab sehen würden. So, wie auch auf andere Einwanderer aus den ehemaligen GUS-Staaten.

In der Tat, viele deutsche Juden sehen auf die zugewanderten herab. Doch nicht alle. Diese „nicht alle“  sind  es, die in den letzten 17, 18 Jahren überaus große Anstrengungen unternommen haben, die Einwanderer ihr einzugliedern. (Was die Kriterien der Eingliederung betrifft, steht auf einem anderen Blatt)

Allein, etwa 90 Prozent der deutschen Juden, die da auf die „Kontingentjuden“ und andere herabsehen, sind selbst erst ab 1945 nach Deutschland eingewandert. Die meisten kamen aus Russland und Polen und schlugen sich nach der Befreiung in die westlichen Zonen durch. Viele Jahre saßen sie, unentschlossen des Bleibens wegen, hier auf gepackten Koffern.  Und frugen sich. „Bleiben wir oder wandern wir weiter nach Israel oder in die USA?“

Nun, viele sind geblieben. Die Kinder besuchten Schulen, studierten und arbeiteten hier. Zunächst. Die jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik dümpelte ca. 40 Jahre bei 30 000 bis 35 000 Gemeindemitgliedern. Die in etwa gleiche Anzahl lebte hier, ohne sich Gemeinden anzuschließen. Die Jüngeren wanderten häufig aus oder bewegten sich zwischen mehreren Staaten.  Es war eine überalterte Gemeinschaft. Und die meisten verstanden sich ab Mitte der Achtziger als deutsche Juden. Dies schlug sich auch in Überlegungen nieder, den „Zentralrat der Juden in Deutschland“ umzubenennen in: „Zentralrat der deutschen Juden“.

Diese kleine Gemeinschaft stand nun vor der Aufgabe, ein mehrfaches von sich selbst zu integrieren. Etwa so, als müsste ein 1-Zentner-Mann seinen doppelt so schweren Bruder schultern. Dabei stand diese kleine Gemeinschaft – wenn auch mit staatlicher Unterstützung – vor mehreren Problemen:

Der überwiegendste Teil der Immigranten sprach und schrieb kein Deutsch

Der größte Teil der Immigranten hatte sich seiner jüdischen Wurzeln entfremdet. Vielfach hatten sich schon deren Eltern oder Großeltern ins sowjetische System integriert. Nun aber wanderten sie als Juden ein. Ich habe oft den Satz gehört: „Wir dachten, es kämen Juden, doch es kamen Russen (Ukrainer . . )“ oder: „Die Russen kommen“

Allein den Bedarf an Lehrern und Chasanim zu decken, an Dolmetschern und Sozialarbeitern . . . 
Die meisten der Immigranten hatten eine gute bis sehr gute Ausbildung. Waren aber der Sprachbarriere wegen nicht so leicht in den deutschen Arbeitsmarkt einzugliedern. Und Etliche wollten auch nicht am Bau , am Fließband oder im Verpackungs-Lager arbeiten.

Der Anteil von ALG II-Empfängern inerhalb der Gemeinden stieg rapide an. Die Alters-Struktur der Immigranten erforderte und erfordert noch immer von den Sozial-Abteilungen der Gemeinden Höchstleistungen. Mit einiger Phantasie kann man sich vorstellen, was auf die Sozial-Abteilungen der Gemeinden zu kam und noch immer zu kommt.

Und – Deja vu nach 80 Jahren: Auch diesmal ist die Integration der ersten Einwanderergeneration fehl geschlagen. Es bleibt die Hoffnung auf die zweite Generation. Wie damals. Auch damals lehnte der größte Teil der deutschen Juden die nach dem Ersten Weltkrieg eingewanderten „Ostjuden“ ab. Man empfand sie als arm, rückständig und peinlich. In den bestehenden Gemeinden wurden sie weit gehend abgelehnt. So erfolgten viele Eigen-Gründungen.

Für Berlin fasse ich die Situation von damals kurz zusammen und füge ein paar Fundstellen an:

Die „Mulackei“

Als Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr Juden vor den Pogromen in Russland und Polen flüchteten, liessen sich vor allem die armen im Berliner Scheunenviertel nieder. Sie lebten überwiegend in den dürftigen, teils elenden Häusern um den Hackeschen Markt, in der Großen Hamburger, der Rosenthaler, der Dragoner-, Grenadier-(Almstadt-), Linien-, Rückert- und Mulackstraße.

Der Wohnraum war billig und das Viertel der Berliner Juden um die Neue Synagoge an der Oranienburger Straße in unmittelbarer Nähe. Um die heutige Almstadtstraße und Max-Beer-Straße entstand ein freiwilliges Ghetto ost-jüdischen Lebens.

Insgesamt lebten in Großberlin 1925 172.672 Juden, das waren 4,3% aller Einwohner. Ein Viertel davon war 1925 ausländischer Staatsangehörigkeit. Diese stammten überwiegend aus Polen, Rußland und Galizien. Sie unterschieden sich als „Ostjuden“ wesentlich von den deutschen Juden. Die Behörden verweigerten ihnen auch nach jahrzehntelangem Aufenthalt fast immer die deutsche Staatsbürgerschaft.

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‚Charlottengrad’ und ‚Scheunenviertel’. Osteuropäisch-jüdische Migranten im Berlin der 1920/30er Jahre

http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de … order=down

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Das Berliner Scheunenviertel
– das „freiwillige“ Ghetto

Mischket Liebermann: Aus dem Ghetto in die Welt. Berlin, 3. Aufl. 1995
Joseph Roth: Juden auf Wanderschaft. Köln 1985
Äußerungen zur „Ghetto-Mentalität“ von Tucholsky u. a.

Klassenstufe: 10-13
Zeitaufwand: j 1-2 Unterrichtsstunden [ ??? ]

http://www.lpb-bw.de/publikationen/ghettos/b12.htm

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Zwei Rezensionen zu Martin Beradt’s:

Die Straße der kleinen Ewigkeit
Roman
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2000

http://www.perlentaucher.de/buch/4733.html

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Zwei Autoren – aus West und Ost – beschreiben das Berliner Scheunenviertel aus ihrer jeweiligen Sicht. Beide Autoren hoffen, daß dieses Wohnviertel, das eine bewegte Vergangenheit hatte, auch eine Zukunft haben wird.

http://auguststrasse-berlin-mitte.de/wendezeit/

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Lesen sollte man unbedingt:

Eike Geisel: Im Scheunenviertel, Bilder, Texte, Dokumente. Berlin (West), 1981
wird wohl antiquarisch zu bekommen sein

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