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 Ich habe mal wieder geblättert und bin dabei auf Berufsumschichtung und Hachscharah gestoßen. Berufsumschichtung innerhalb der jüdischen Erwerbspersonen war schon im 19. Jahrhundert als notwendig erachtet worden. Denn der größte Teil der städtischen Judenheit war kaufmännisch ausgebildet. Auch wenn dies geschichtliche Ursachen hatte: Die Welt hatte sich geändert. Jüdische Verbände wollten ihre Menschen wieder an Berufe der Urproduktion und des Handwerks heran führen. Eine der Gründungen aus jener Zeit war die „Israelitische Gartenbauschule“ 1893 in Ahlem bei Hannover.

Und dann änderte sich die Welt noch einmal.

Im Dezember 1922 war der deutsche Verband der zionistischen Organisation Hechaluz (Pioniere) gegründet worden. Bis 1932 hatten sie  589 Mitglieder gewonnen und vier Landgüter erworben. Dort bereiteten sie junge Frauen und Männer auf die Einwanderung nach Palästina vor. Die jungen Menschen lernten handwerkliche, haus- und landwirtschaftliche Tätigkeiten auszuüben und Iwrit zu sprechen. Außerdem lernten die weitgehend assimilierten jungen Leute wieder ihre jüdischen Grundlagen kennen. Sie gingen am Samstag nicht zur Schule, zur Uni oder zur Arbeit, sondern feierten Shabbat. Sie feierten ihre alten Feste, sangen ihre Lieder und lasen jüdische Literatur. Hascharah nannte sich dieses Programm, Ausbildung, Vorbereitung, Tauglichmachung. Die war bei bei den jungen Menschen, die dienstleitungsberuflich oder akademisch ausgebildet waren, aber nach Palästina auswandern wollten, überaus angebracht.

In den Anfangsjahren des Dritten Reichs war das Gros der deutschen Juden nicht auf Auswanderung eingestellt. Und schon gar nicht auf die nach Palästina. Die übergroße Mehrheit der deutschen Juden sah sich als Deutsche. Man war jüdisch wie der Nachbar evangelisch oder katholisch war. Orthodoxe und Zionisten waren kleine Minderheiten. Als sie jedoch immer mehr zur Auswanderung getrieben wurden, strebten die Meisten ins europäische Ausland oder in die USA. Doch von dort hörten sie überwiegend, dass das Boot voll sei. Dennoch bildeten sich Schlangen vor Botschaften und Konsulaten dieser Länder.

Schlangen bildeten sich auch vor dem so genannten Palästina-Amt der Jewish-Agency in Berlin, vor dessen 22 Zweigstellen und ca. 350 Vertrauensstellen in ganz Deutschland. Das Pal-Amt war zuständig für die Vorbereitung und die technische Durchführung der Auswanderung und die Verteilung der Zertifikate. Und wer ein „Arbeiter-Zertifikat“ haben wollte, musste entsprechend vorbereitet sein. Die britische Mandatsmacht hatte schon nach arabischen Unruhen ab 1936 die Anzahl der Einwanderer-Zertifikate herabgesetzt, ab Mai 1939 auf ein Minimum und ab Oktober 1939 wurden Einreisevisa für deutsche Juden gar nicht mehr ausgestellt. Denn jetzt befanden sich Großbritanien und Deutschland im Kriegszustand.

Während assimilierte Jugendverbände verboten wurden, konnten zionistische bis Ende 1938 bestehen bleiben, da sie die Auswanderung förderten. Jüdische Jugendliche hatten anfangs kaum eine, später gar keine Chance mehr zu einer Berufsausbildung. So wurden die Hascharah-Stellen zur einzigen Möglichkeit, überhaupt noch einen Beruf zu erlernen. Dadurch erhielt die Hachscharah-Bewegung Zulauf.

1934 hatte Hechalutz in Deutschland 15 000 Mitglieder in 75 Ortsgruppen und bildete um die 3 500 in seinen Hachscharah-Stellen aus, die auch Landwerke oder Berufsumschichtungsschulen genannt wurden. Sie und die nicht-zionistischen Hachscharah-Stellen betrieben Tischlereien, Schlossereien, Schuhmachereien, Schneidereien, Elektro-Werkstätten und Werkstätten für Feinmechanik. Sie bildeten Krankenschwestern, Erzieherinnen und Hauswirtschafterinnen aus.

Eine der wenigen größeren nicht-zionistischen Hachscharah-Stellen, Groß Breesen in Schlesien, war vom „Ring, Bund jüdischer Jugend“ kurz vor seiner Auflösung 1936 gegründet worden. Entsprechend strebten die dort ausgebildeten Handwerker und Landwirte, ebenso wie ihre Lehrer, eher nach Übersee als nach Palästina. Das Landwerk Neuendorf bei Fürstenwalde bildete ab 1936 Handwerker und Landwirte für die Ansiedlung in England und Übersee aus. In Groß-Glagow bereitete man sich für die Auswanderung nach Lateinamerika vor.

Seitens des Zentralausschusses der deutschen Juden (später Reichsvertretung der Juden in Deutschland) und dort der Abteilung Berufsausbildung und Berufsumschichtung war Martin Gerson ab November 1938 zur Betreuung und Koordination der Hachschara-Stellen berufen worden. Viele wurden in der Nähe Berlins eingerichtet, allein in der Provinz Brandenburg befanden sich 20. Martin Gerson leitete seit 1933 das Gut Winkel bei Spreenhagen. Es war quasi sein Dienst-Sitz. Ihm gelang es, die einzelnen Stellen – nachfolgend führe ich einige auf – miteinander zu vernetzen.

  • Rüdnitz bei Bernau
    Havelberg, Mark, Jagdgehöft
    Skaby bei Königs Wusterhausen
    Steckelsdorf bei Rathenow Hechalutz)
    Ahrensdorf bei Trebbin (Makkabi Hazair)
    Gut Winkel bei Spreenhagen (Jugend-Alijah)
    Landwerk Neuendorf im Sande (Jüdische Arbeitshilfe)
    Steckelsdorf (Jugend-Alijah)
    Wolzig (Hechalutz)
    Groß-Glagow, nahee Cottbus (Reichsbund für jüdische Siedlung e.V.)
    Schniebichen bei Sommerfeld, Niederlausitz (Jugend-Alijah)
    Jessen bei Sommersfeld, Niederlausitz
    Gehringshof bei Hattenhof, nahe Fulda (Kibbuz Haddatih)
    Brüderhof bei Harksheide, nahe Hamburg (Hechalutz)
    Beth Chaluz – Seefahrts-Hachscharah, Hamburg (Hechalutz)
    Gut Jägerslust bei Weiche, nahe Flensburg (Hechalutz)
    Altwies, nahe Mondorf (Hechalutz)
    Israelitische Gartenbauschule Ahlem, bei Hannover (Berufsumschichtung seit 1893)
    Altonna-Blankenese, Steubenweg 36
    Groß-Breesen nahe Obernigk/Schlesien
    Bannacker bei Augsburg
    Wolfrathshausen bei München
    Ellguth bei Steinau O.S.
    Sennfeld/Baden
    Grüsen über Frankenberg/Eder – Kibbuz HagShamah (Hechalutz)
    Külte, nahe Arolsen (Hechalutz)
    Lohnberghütte, nahe Weilburg (Hechalutz)
    Hameln (Hechalutz), seit 1926 die Gruppe „Cherut“
    Urfeld, nahe Bonn

Nicht alle waren Landgüter. Viele der Hachschara-Stellen waren ganz normale Häuser, in welchen Lehrküchen, Werkstätten, Pflegestationen eingerichtet wurden. Bis 1938 blieben sie  weitgehend unbehelligt. Mit Kriegsbeginn am 1. September 1939 wurde die legale Ausreise immer schwieriger. Die Grenzen waren dicht und Palästina gehörte zum britischen Feind. Der Zweck der Duldung, die Auswanderung nach Palästina, durch nationalsozialistische Behörden entfiel. Sie begannen mit der Auflösung einzelner Stellen. Die verbliebenen Chaluzim (Pioniere) gingen in die größeren und  großen Güter und Schulen. Die letzten zionistischen Gruppen wurden verboten.

Ende 1939 gab es noch 28 land-und forstwirtschaftliche und Hachscharah-Stellen mit ca. 1800 Menschen. Hachscharah wurde zunehmend zur „Sonder-Hachscharah“, zur Alijah-Bet, zur illegalen Auswanderung aus Deutschland und illegalen Einwanderung in Palästina. Ab Juni 1941 wurden auch die größeren Hachscharah-Stellen „liquidiert“ oder in Zwangsarbeitslager umgewandelt. Gut Winkel, der „Dienstsitz“ Martin Gersons wurde 1941 geschlossen. Mit seiner Familie ging er nach Neuendorf im Sande, welches nun Zwangsarbeiterlager war.

Ab Oktober 1941 setzten die Deportationen ein. Auch in Neuendorf kam es im März 1942 zu ersten Deportationen in den Osten. Am 8. April 1943 wurde Neuendorf als letztes der Hachscharah-Lager „liquidiert. Die letzten 80 Männer und Frauen wurden zunächst nach Berlin verbracht und am 19. April 1939 aus dem Sammellager Große Hamburer Straße nach Auschwitz deporiert.

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