Ein Jecke also. Obwohl ich mir so jeckisch gar nicht vorkomme. Vielleicht liegt das an dem väterlichen Erbe: Drohobych. Beide Eltern waren bis zuletzt staatenlos. Mein Vater, weil er die deutsche Staatsbürgerschaft nie beantragt hatte. Da war ihm DP noch lieber. Meine Mutter, weil die Nazis ihrer Familie die Staatsbürgerschaft genommen hatten. Und sie diese in Deutschland wieder hätte beantragen müssen. Eher hätte sie freiwillig Schweinebraten gegessen.

Nun, ich habe mich 1990 für den deutschen Pass entschieden. Ich lebte nun mal hier, verdiente hier mein Geld und hatte hier Freunde. Was sollte ich so tun, als säße ich auf Koffern? Die örtliche Gemeinde hatte um die dreihundert Mitglieder, kaum alt Eingesessene aber ein buntes Völkchen. An Shabbes, nach Maariv, besetzten einige von uns dann ganz gern den Griechen um die Ecke. Das war eher einvernehmlich als der einheitliche Maariv zuvor.

Jüdisch sein war als Kind, zu Hause weniger ein religiöses als ein alltägliches Thema. Ich habe mich auf dem Schulhof noch mit Mitschülern geprügelt deswegen. (Aber nur ein Mal, danach war Ruhe. In der zionistischen Jugend konnte man glücklicherweise so einiges lernen.) Dass ich bei anderen Schülern, wenn wir Hausaufgaben machten, kaum etwas essen konnte, verdross mich nicht besonders. Ich ging immer vorher zum Mittagessen nach Hause.

Nein, a frumer Jid bin ich nicht. Doch ich weiss was ich bin und was ich tue und warum ich es tue. Und wenn ich mit jüdischen und nichtjüdischen Freunden in die Kneipe gehe, weiss ich, dass sie keinen Kashruth-Stempel hat. Eben so wenig wie der Italiener oder der Chinese. Und wenn ich an Shabbes rauche, weiss ich, warum ich es nicht tun sollte.

Der Alltag mit Schülern und Kollegen ist weit gehend unproblematisch. Auch wenn die lieben Kleinen heute weit öfter „du Jude“ statt „du Ar***loch“ sagen. Ich nehme es übel. Doch ich kann mit ihnen darüber sprechen. Nicht im Sinne der Betroffenheitslyrik, sondern weil es christliche und moslemische Schüler sind. Da reicht oft schon die Frage: „Warum nicht „du Christ“ oder „du Moslem“?.

Advertisements