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Also meine Lieben,

ich habe ja wohl nicht als einziger diese Demo-Plakate gesehen.   Aber mir haben sie eine ganz wesentliche Erkenntnis vermittelt: Ich kann alles vergessen, was ich bisher über die „Endlösung der Judenfrage“ zu wissen glaubte.  Denn nach Auffassung der Plakatträger war es so:
Die deutschen Juden hatten ein eigenes, ca. 360 qkm großes Staatsgebiet innerhalb Deutschlands. Das legten sie zunächst mal während  interner Auseinandersetzungen zu etwa 50 Prozent in Schutt und Asche.  Zu dem bombardierten sie sieben Jahre lang die umliegenden deutschen Städte und Dörfer. Die Deutschen, die dies alles in Langmut ertragen hatten,  . . . 
Und dann kam wohl der Werbungsblock .

Nun bin ich ja meistens mies drauf, so dass es schon gar nicht mehr auffällt.  Zur Zeit aber kriege ich flächendeckend die Krätze.  Herr Ban spielt U Tanth und die deutschen Medien bilden Meinung.  Ja, was wollte ich eigntlich sagen?  Ach ja, die Heitmeyer-Studie von 2004 über „Deutsche Zustände (Folge 3)“ ist mir mal wieder in die Hände gefallen.  Von wegen Meinung.  Gucken wir doch mal:


Sehr nachdenklich stimmt die Tatsache, dass ca. 65% der Befragten eine Abwehrhaltung gegenüber der Beschäftigung mit den Verbrechen der Deutschen an den Juden im Dritten Reich entwickelt haben („sekundärer Antisemitismus“). Eine überraschend hohe Zustimmung erfährt zudem der Vergleich der israelischen Politik mit der Judenvernichtung im Dritten Reich („NS-vergleichende Israelkritik“): Über die Hälfte der Befragten stimmen der Aussage zu „Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes, als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben“.

Die höchsten Zustimmungen erfahren allerdings die beiden Aussagen zur israelkritischen Einstellung. Über 80% der Deutschen haben eine kritische Haltung gegenüber der Palästinenserpolitik Israels. Diese Einstellung ist auch entgegen dem sonstigen Trend häufiger im linken politischen Lager anzutreffen als bei den Befragten rechter politischer Couleur.

 

Itemformulierungen und Ausmaß der antisemitischen Facetten

und der israelkritischen Einstellung

(GMF-Survey 2004, Angaben in Prozent.)

 

 

Konstrukte und Itemformulierungen

1 – stimme überhaupt nicht zu

2 – stimme

eher nicht zu

3 – stimme

eher zu

4 – stimme

voll und ganz zu

Klassischer Antisemitismus

Juden haben in Deutschland zuviel Einfluss.

43,6

34,9

10,9

10,6

Durch ihr Verhalten sind die Juden an ihren Verfolgungen mitschuldig.

50,4

32,2

11,1

  6,3

Sekundärer Antisemitismus

Ich ärgere mich darüber, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden.

11,9

19,8

23,8

44,5

Ich bin es leid, immer wieder von den deutschen Verbrechen an den Juden zu hören.

14,6

23,2

20,9

41,3

Israelbezogener Antisemitismus

Durch die israelische Politik werden mir die Juden immer unsympathischer.

23,1

45,2

19,1

12,6

Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat.

18,9

36,8

28,9

15,5

Antisemitische Separation

Die deutschen Juden fühlen sich stärker mit Israel als mit Deutschland verbunden.

  7,9

36,6

33,7

21,9

Die Juden hierzulande interessieren sich mehr für israelische als für deutsche Angelegenheiten.

10,7

41,5

29,2

18,6

NS-vergleichende Israelkritik

Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser.

  7,6

24,0

33,2

35,1

Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben.

18,8

30,0

23,9

27,3

Israelkritische Einstellung

Ich werde wütend, wenn ich daran denke, wie Israel die Palästinenser behandelt.

  4,0

14,2

37,5

44,4

Es ist ungerecht, dass Israel den Palästinensern Land wegnimmt.

  3,9

10,0

34,5

51,5

Werte, die auf antisemitische bzw. israelkritische Einstellungen hinweisen, sind grau unterlegt.

 

 

4.1 Israelkritik als Umwegkommunikation und die Delegitimierung des jüdischen „Opferstatus“

Eine Möglichkeit, das Kommunikationsverbot zu umgehen und doch antisemitische Einstellungen zu kommunizieren, besteht im Ausweichen auf angrenzende, weniger stark tabuisierte Themen, die allerdings von den Tabubrechern zumeist als ebenfalls tabuisiert hingestellt werden. Es wird so getan, als sei jegliche Kritik an der Politik Israels gegenüber den Palästinensern generell in das Kommunikationsverbot von Antisemitismus eingeschlossen, obwohl faktisch die Medien laufend kritische Berichte bringen. Damit wird diese Behauptung als eine Form der Delegitimierung des Antisemitismusvorwurfs erkennbar. Der Beitrag von Heyder/Iser/Schmidt in diesem Band kann empirisch differenziert zeigen, daß sich eine kritische Einstellung zur Politik Israels gegenüber Palästina sehr wohl von einem israelbezogenen Antisemitismus trennen läßt, der eine Übertragung der Kritik an der Politik Israels auf alle Juden beinhaltet. Die Tabuisierung antisemitischer Kommunikation hat in der Bundesrepublik zu einer Reihe von weniger inkriminierten Themenverschiebungen geführt. Eine davon, die seit 1967 genutzt wird, ist die Kritik der israelischen Besatzungspolitik. Sie wurde zunächst vor allem von der extremen Linken und Rechten praktiziert, hat sich verstärkt seit der ersten (1987) und vor allem der zweiten Intifada (Oktober 2000) und findet sich auch zunehmend im politischen Mainstream.

 

In der Untersuchung zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit stimmten die Befragten sowohl 2003 als auch 2004 in hohem Ausmaße der Aussage zu, daß sie sich darüber ärgerten, wenn den Deutschen von Juden heute noch die NS-Verbrechen vorgehalten würden. Die nachfolgende Abbildung zeigt das stabile Ergebnis. Damit wird deutlich, daß diese Einstellung sogar von denen, die sich in der politischen Mitte oder gar links davon einstufen, mehrheitlich vertreten wird. Bemerkenswert ist auch, daß sich keine signifikanten Geschlechts-, Ost-West- und nur in 2004 Altersdifferenzen zeigen. Dies deutet möglicherweise auf eine breite Erosion der Bereitschaft hin, Juden aufgrund der deutschen Vergangenheit weiterhin einen Opferstatus zuzubilligen bzw. komplementär die Verantwortung für die Verbrechen zu übernehmen.
( . . .)
Der erfaßte Ärger steht nun nicht allein, sondern im Zusammenhang mit den anderen Antisemitismus-Aussagen. Dieser ist signifikant, wenn auch nicht übermäßig hoch. Höher fällt die Korrelation mit dem Statement „Viele Juden versuchen aus der Vergangenheit ihren Vorteil zu ziehen“ aus. Der Ärger über die Vorhaltungen der Verbrechen ist eng verknüpft mit dem Verdacht, dies geschehe seitens der Juden um eigener Vorteile willen. Die Zustimmung zu dem entsprechenden Item „Die Juden nutzen die Erinnerung an den Holocaust heute für ihren eigenen Vorteil aus“ ist zwischen 1990 und 2002 unter Westdeutschen von 39% auf 54%, unter Ostdeutschen noch stärker von 20% auf 45% angestiegen.

Das Papier ist unter dem Suchbegriff „Heitmeyer-Studie“ im WWW schnell zu finden. Wer es noch nicht gelesen hat, könnte das jetzt tun.

Und mir geht´s jetzt besser.
Bommel

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