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„Eine genauere Analyse der Berliner Streitigkeiten offenbart, dass es sich hier um die privaten Animositäten älterer Herren handelt. Ihren Gegnern sei daran gelegen, alle zu verdrängen, «die für die deutsch-jüdische Tradition eintreten», . . .“ sollen diese beiden älteren Herren verlautbart haben.

. . . „Man könnte süffisant fragen, wie «die» deutsch-jüdische Tradition denn bitteschön aussieht? Zionistisch? (Neo-)orthodox? Atheistisch? Bestand sie nicht zum Großteil im Weg der Akkulturation und Assimilation? . . . “ „Die Frage muss daher viel eher lauten, warum man nicht die Chance ergreift, mit den Zuwanderern zusammen und unter Berücksichtigung und Akzeptanz der jeweiligen kulturellen Unterschiede, eine neue und zukunftsträchtige deutsch-jüdische Tradition zu begründen. In der Vergangenheit zeichnete sich diese vor allem durch ihre Pluralität aus.“ (Zitate aus: «Jüdische Zeitung», Mai 2007)

Kurze Anmerkung: Worin bestand eigentlich die Tradition der vorletzten 70 Jahre unserer Zuwanderer, wenn nicht im „im Weg der Akkulturation und Assimilation?“

Irene Runge schreibt in der „Jüdischen Zeitung“ des Februar 2007: „Ich erzähle Feliks B., was der ehemalige jüdische Häftling Günter Nobel mir berichtet hat: Ein Rabbiner kam mindestens bis November 1938 regelmäßig zu Pessach und als Kontakt zu jüdischen Auswanderungsorganisation ins Zuchthaus Brandenburg. In den Pessachgottesdienst gingen politische Juden wie er wegen der Mazzot, mehr aber, um miteinander zu reden. Nobel und seine andernorts inhaftierte Frau konnten schließlich knapp vor Kriegsbeginn aus dem Zuchthaus nach Shanghai emigrieren. Aber das ist eine andere Geschichte.

Feliks Byeleyenkov ist überrascht. «Die Zuwanderer», sagt er vorsichtig, «wollen sich noch nicht mit der deutsch-jüdischen Geschichte identifizieren.»

Mangelnde Sprachkenntnisse als größte Hürde . . .
. . . Für unsere Mitglieder ist es sehr schwierig, in Cottbus oder Umgebung Arbeit zu finden», sagt der 44jährige Zuwanderer aus Russland. Wegen der Arbeitsmarktlage sei es wiederum nicht leicht, die deutsche Sprache zu erlernen. «Weil die Sozialkontakte, die durch eine Arbeitsstelle entstehen könnten, fehlen, mangelt es an Sprachpraxis», sagt er. («Jüdische Zeitung», August 2008)

Mit wem soll ich denn nun die neue zukunftsträchtige deutsch-jüdische Tradition begründen? Und wie soll ich das tun, wenn ich mit Menschen, die für meine Vorvergangenheit nichts übrig haben nicht mal sprechen kann, weil sie länger als zehn Jahre brauchen, um brauchbares Deutsch zu lernen? Da mangelt es mir an Empathie. Und in welcher Vergangenheit hat sich diese neu zu begründende Tradition als pluralistisch ausgezeichnet?

Bevor ich falsch verstanden werde: Ich bastele hier keine Vorurteile, sondern Nachurteile. Ich lege auch keinen gesteigerten Wert auf ein jeckisches Minjan. gemeinsam beten, wenn ich es denn tue, kann ich mit Jedem. Doch ich würde mich auch ganz gern mit ihm unterhalten. Und das ist in der Tat nur mit relativ wenigen unserer „Neuen“ möglich. In größeren Versammlungen habe ich erlebt, dass fünf bis sechs Menschen für etwa 50 andere sprachen. Zwei Jahre später war es noch genauso. Mir ist von Vielen, bei Weitem nicht allen, eine massive Ablehnung Deutsch zu lernen, entgegen geschlagen. Man findet in den Gemeinden nicht mehr Allzuviele, mit denen man Deutschreden kann.

Aber nun gut. Beten wie gesagt, kann ich mit jedem. Trotzdem krätzt es mich nach wie vor und unterschwellig schwirrt mir manchmal der Begriff „Kommunikationsverweigerung mit Jeckes“ durch den Kopf. Russifizierung.

Doch kenne auch andere. Clawdia, näher an 60 als an 50. Sie hat sich ganz fix eine kleine Wohnung gemietet und ist schnellstens aus der zugewiesenen Unterkunft ausgezogen. Hört deutsche Radiosender und liest keine – oder nur sehr selten – russische Zeitungen. Für die Gemeindebibliothek hofft sie, dass der Bestand an deutscher Literatur mal wieder erweitert wird. Aber es gibt ja noch die Stadtbibliothek. Und sie arbeitet.
Einige andere haben ebenfalls rasant die für sie neue Sprache gelernt. Irma zum Beispiel hat ihre Umschulung zur Steuerfachangestellten sehr erfolgreich abgeschlossen und arbeitet auch in dem Beruf. Alla arbeitet seit Jahren, ich könnte die Aufzählung beliebig erweitern. Und sie alle müssen etliche Kilometer per Eisenbahn überbrücken, um zu ihren Arbeitsplätzen zu gelangen. Und sie alle sagen, dass sie letztlich nicht der Jiddischkeit wegen hier her gekommen sind, die könnten sie seit den neunzigern auch in Russland und der Ukraine leben, sondern weil sie in den Westen wollten.

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