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Teil II: Der Prozess der Verländlichung

Um 1600 finden wir nach den Auswanderungen nach Polen, Litauen, Oberitalien und die norddeutschen Städte nur wenige städtische Gemeinschaften überregionaler Bedeutung rechts des Rheins.

  • Frankfurt am Main, mit ca. 15% jüdischer Bevölkerung
  • Friedberg: mit ca. 25%
  • Worms: mit ca. 10%
  • Fulda mit ca. 25%

Juden, die den Vorzug geschäftlicher oder familiärer Verbindungen in andere Städte hatten und nicht Jahre lang auf eine mögliche Rückkehr warten wollten, zogen recht schnell in andere Städte. – Schließlich fanden die Vertreibungen nicht an allen Orten gleichzeitig statt. – Beliebter Anlaufpunkt war Frankfurt am Main, aber auch Städte im heutigen Norden Deutschlands wie Emden, Stade und Norden.

Vielfach wurden Judenfamilien, zuvor aus der Stadt vertrieben, gezielt in ländlichen Gebieten um die Stadt herum angesiedelt. Der Landesherr entging damit dem Konflikt in den Städten und konnte „seinen“ Juden dennoch eine „quasi-urbane“ Stellung einrichten. Die Teilnahme an den Jahr- und Wochenmärkten der Stadt, erhöhte die Zahlungskraft „seiner“ Schutzjuden, die um solche zu sein und zu bleiben, Vermögen nachweisen mussten.

Damit war der Hauptzweck der merkantilistischen „Peuplierungs“politik erfüllt: Durch gezielte Ansiedlung einer kapitalkräftigen aber politisch schwachen und daher (anders als die Zünfte) leicht disziplinierbaren Gruppe in Stadtnähe konnte der landesherrliche Haushalt gesichert und der Kredit des Landesherrn selbst erhöht werden. Mit der Protoindustriealisierung und der Erweiterung des Viehandels in den ländlichen Gebieten wurden jedoch die Schutzjuden für die Territorialherren entbehrlich. Diese Gezielte Ansiedlung war wohl der entscheidendste Faktor für die Verländlichung.

Denn der Verländlichungs- und Verarmungsprozess vollzog sich nicht abrupt mit den Vertreibungen, sondern zog sich über mehrere Generationen hin, bis er ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts das Leben bestimmte. Hatte man in der ersten Zeit nach der Vertreibung noch in der Nähe der Stadt gesiedelt, die nach wie vor den zumindest ökonomischen Mittelpunkt des Lebens bildete, lebte man nun fest am Land.

Die sich neu bildenden Judengemeinden des „Oberfürstentums“ der Landgrafschaft Hessen zentrierten zwar immer noch um Stadt- und Marktnähe, bezogen aber ihre Identität nicht mehr dort her. Bis etwa 1640 waren sie um ländliche Friedhöfe auf Amts- oder Regionalebene organiert, ab dann entstanden die ersten überregionalen Landjudenschaften. Der Oberparnass oder Judenmeister war der Vorsteher der Gesamtjudengemeinde im Fürstentum/der Grafschaft. der in Steuersachen Beamtenbefugnisse hatte, Vorsitzender des Judengerichts war und etwa die Stellung eines (jüdischen) Kreis- oder Landrats hatte. Neben ihm standen die Parnossim in den einzelnen Gemeinden, mit entsprechende Befugnissen.

Auf den so genannten Judenlandtagen wurden Probleme erörtert, Entscheidungen über Recht, Ritus, Lehre und Streitigkeiten konnten gefällt werden. Außerdem waren die gewählten Vertreter Ansprechpartner für die Landesherrn geworden: Durch die Zentralisierung waren Strukturen geschaffen worden, die es einerseits den Juden ermöglichten direkt mit der Herrschaft zu kommunizieren, die aber andererseits dem Landesherrn die Steuereintreibung erleichterte.

Einzutreiben waren :

Kollektivabgaben

  • Generalschutzgeld – Gebühr, mit der sich die gesamte Judenschaft den Aufenthalt im Gebiet erkaufte
  • Herbstanlagegeld oder Pferdegeld – Die Juden waren verpflichtet, die ausgemusterten Pferde des Territorialherren zu überhöhten Preisen aufzukaufen. So mußte z.B. ein Pferd, das 9 Taler wert war, um 50 Taler erworben werden.
  • Neujahrsgelder – Zu Neujahr fällige Abgabe
  • Neujahrsgelder an die Geistlichen der Hegemonialreligion,
  • Gänsegelder – Anstelle einer Naturalabgabe an Gänsen.
  • Zwei Pferde für den reichsherrlichen Marstall

Individuell zu erbringende Abgaben

  • Schutzgeld – Gebühr, mit der sich der Einzelne den Aufenthalt im Gebiet erkaufte
  • Konzessionsgeld – Gebühr, damit die Erlaubnis zum Schutz erteilt wurde
  • Gebühr für die Beglaubigung der Schutzbriefe,
  • Leibzoll – Zu zahlen bei der Einreise und beim Verlassen des Fürstentums für nicht zugehörige Juden.
  • Warenzoll ,
  • Nachsteuer – Zu zahlen beim Wegzug aus dem Fürstentum
  • Herrn- und Kanzleigebühren,
  • Außerordentliche Ausgaben – Diese wurden von Fall zu Fall bei besonderem Geldbedarf des Reichs-, bzw. Territorialherren festgelegt.
  • Abgaben an die eigene Landjudenschaft

Die wenigen Juden der Städte übten zum einen, bedingt auch durch rituelle Notwendigkeiten und trotz bestehender Zunftregeln, Berufe wie Kinderlehrer, Schreiber, Illuminatoren für die Ausgestaltung von Handschriften, Beschneider, Ärzte, Hebammen, Musikanten, Friedhofs- und Badewärter, Totengräber, Schulmeister, Gemeindeköche, Wirte, Bartscherer aus. Gleichwohl war ihr Haupterwerb Handel und Geldleihe. Doch konnten sie an großen Messen teilnehmen und in andere Städte reisen.

Auf dem Land jedoch beschränkte sich ihr Erwerb auf die folgenden Möglichkeiten:

  • Wucher – Geldverleih gegen Zinsen
  • Schacher – Kleinhausierhandel, auch als „Nothandel“ bezeichnet
  • Unterhandel – Vermittler, die klassischen „Schmuser“.
  • Vieh- und Pferdehandel – oft in Verbindung mit Metzgerei
  • Pfandhandel –
    Zwar durften Bauern die Ernte am Halm nicht an Juden verkaufen, wohl aber verpfänden.
  • Besser gestellte jüdische Kaufleute lebten vom

  • Juwelierhandel
  • Handel mit Gewürzen und aromatischen Pflanzenstoffen, vulgo: Gewürzhandel; später auch Bezeichnung für Lebensmittelhandel
  • Schnittwarenhandel – Handel mit Stoffen im Kleinen.

Viele Landjuden verarmten, nicht wenige wurden von der Gemeinde unterstützt, Armenhäuser entstanden. Und Betteljuden.

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