In diesem Jahr waren in den Gemeinden der Bundesrepublik und West-Berlins etwa 15000 Juden registriert, in Ost-Berlin und anderen DDR-Gemeinden hatten sich um die 2400 eingeschrieben. In Föhrenwald, dem letzten jüdischen DP-Lager auf deutschem Boden, lebten noch 1750 Menschen. Darüber hinaus gab es eine recht große Anzahl zwischen 5000 und 25000 Menschen jüdischer Herkunft im Lande, die sich nicht den Gemeinden angeschlossen hatte. Teils wollten sie sich nicht mit dem organisierten Judentum identifizieren, zum anderen Teil handelte es sich nicht um halachische Juden.
Insgesamt stellten die (überwiegend alten) „Deutschen“ die Mehrheit neben den etwa 10000 (überwiegend jungen) ehemaligen DP’s.

Schätzungsweise mehr als die Hälfte der Gemeinde-Mitglieder war über 50 Jahre alt, die Gruppe der 20- bis 30jährigen machte etwa 2500 Menschen aus, die über 60jährigen dagegen mehr als 7000. Andererseits gab es vor allem in den Familien osteuropäischer Überlebender ein hohes Geburtsaufkommen, man zählte um die 1000 Kinder im Vorschulalter. 4000 Gemeindemitglieder waren kontinuierlich von Zahlungen jüdischer Organisationen abhängig, weitere (geschätzte) 2500 waren dies temporär.

1250 Personen emigrierten aus Deutschland, davon ca. 500 „illegale Rückkehrer“ aus Israel, die von hier aus ihre Weiterreise in andere westliche Länder – hauptsächlich in Südamerika – antraten. Die Anderen, weitgehend ehemalige DP’S, wanderten überwiegend in die USA und nach Südamerika aus.

Exkurs: Föhrenwald
In Föhrenwald lebten im Frühjahr 1954 noch um die 1350 DP’S, die bis August des Jahres durch etwa 400 „illegale Rückkehrer“ aus Israel auf 1750, darunter fast 500 Kinder, aufgestockt wurden. Im Juli 1953 hatte die HIAS (Hebrew Sheltering and Immigrant Aid Society) eine Umsiedlungsstelle in Föhrenwald eingerichtet, die seither etwa 500 „Illegale“ in ihrer Auswanderung unterstützt hatte. Das JDC stellte im April 1954 500000 $ zu diesem Zweck bereit.

Langsam, aber dennoch erkannten nun HIAS und die bayerische Regierung, dass nicht alle Föhrenwalder emigrieren wollten oder konnten, sondern ein Teil auch in Deutschland unterzubringen sein würde. Eine Befragung der Bewohner im Mai ergab, dass 8.5 % die Emigration planten während 31 % in Detschland bleiben wollten. 55 Prozent der Befragten waren mit einer zeitweiligen Unterbringung in anderen deutschen Städten in Deutschland bereit, wollten aber später auswandern. (Anm.: Die „gepackten Koffer“) Der daraus errechnete Wohnungsbedarf ergab 264 Wohneinheiten.

Im Januar 1954 stellte der Bundesminister des Innern die ersten Mittel in Höhe von 1,5 Mio DM für 125 Wohnungen im Bundesgebiet bereit. Von den insgesamt 3,6 Mio DM Baukosten übernahm der Bund 85% und das Land Bayern 15%. Als Eingliederungshilfe wurde von Joint pro Familie bis zu 6000 DM gewährt zur Beschaffung von Hausrat, Möbeln und als Mietbeihilfe.
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Am 23. November 1954 waren von den 1168 Unterkunftsräumen der 296 Föhrenwalder Hauseinheiten 190 Räume frei. Am 6. Juni 1955 war die gesamte Kentucky Street (heute Steichelestraße) geräumt“. Quelle:

Zeitlich einher mit der Schließung Föhrenwalds ging die Verlegung der Hauptsitze einiger jüdischer Organisationen. Hatten sie zuvor München – vor allem der Nähe zu den größeren DP-Lagern wegen – als Zentrale gewählt, zogen sie nun weiter nordwestlich.

1954 waren Über de Landesverbände etwa zehn Rabbiner in den Gemeinden tätig. In Württemberg folgte Fritz Bloch S. J. Neufeld als Landesrabbiner, in Hessen löste I. E. Lichtigfeld Zwi Levy ab. Der Zentralrat stockte sein Direktorat von fünf auf sechs Mitglieder durch den Vorsitzenden des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern auf.

Das letzte noch bestehende „Jüdische Kommitee“ in Hannover vereinigte sich mit der bestehenden Gemeinde und in Augsburg gründeten deutsche und osteuropäische Juden eine gemeinsame Gemeinde.

Aufgrund der materiellen Notlage vieler alter Menschen in den Gemeinden erhielt die „Zentrale Wohlfahrtstelle“ zunehmende Bedeutung. Dies drückte sich auch darin aus, dass die CJMCAG (Conference for Jewish Material Claims against Germany) sie mit weiteren 450000$ ausstattete. JDC und Wohlfahrtstelle legten Programme zur Unterstützung Selbständiger auf.

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