Teil III: Das Leben auf dem Land (1)

Juden waren verfassungsrechtlich keine Untertanen, sondern hatten den Status von Schutzjuden. Von den Gemeinderechten waren sie weitgehend ausgeschlossen. Sie können grob in verschiedene Statusgruppen unterteilt werden:

1.) Jene Wenigen, die den Vorzug eines Generalprivilegs (Ausnahmerecht) hatten, konnten sich an allen für Juden zugelassenen Orten niederlassen, umziehen und Häuser erwerben. Sie standen gleich mit den christlichen Kaufleuten im Handel und Vererbung dieser Privilegien an alle Kinder. Einige Mitglieder dieser Gruppe besaßen sogar das verbriefte Bürgerrecht. Angehörige dieser Gruppe lebten nur äußerst selten auf dem Lande.

2.) Gewöhnliche Schutzjuden hatten kein rech auf freie Wohnungswahl und nur ein Kind konnte den Status des Vaters erben. Einem zweiten Kind wurde der Schutz nur gewährt, wenn er mindestens eine Geldsumme von 1000 Talern besaß, einem dritten Kind, wenn er 2000 Taler besaß. Ansonsten musste der dritte Sohn woanders einen eigenen Schutzbrief erwerben.

3.) Außergewöhnliche Schutzjuden konnten ihren Status nicht auf ein Kind übertragen; es blieb auf ihre Person beschränkt. Zu dieser Gruppe zählten u.a. Ärzte, Maler, Drucker und Optiker.

4.) Die vierte Gruppe bestand aus den offiziellen Gemeindevertretern (z.B. Rabbiner, Rabbinerhelfer, Haupt- und Hilfskantor, Schulklopper und Schammesim). Ihnen war verboten sich an Handelsgeschäften zu beteiligen. Sie hatten den Status der außergewöhnlichen Schutzjuden, konnten ihr Privileg also nicht vererben.

5.) Juden, die in keiner Weise geschützt waren, sondern nur geduldet, gehörten der fünften Gruppe an. Sie hingen von der Fürsorge und dem Wohlwollen eines Angehörigen einer geschützten Gruppe ab. Sie waren ausgeschlossen von Handels- und Berufstätigkeiten und durften nur in eine Familie der beiden höheren Klassen einheiraten. Kinder der gewöhnlichen Schutzjuden, die diesen Status nicht erben konnten sowie Kinder der Gemeindevertreter zählten zu den ungeschützten Juden.

6.) Die niedrigste Klasse bestand aus den privaten Angestellten. Sie durften nicht heiraten und nur für die Dauer ihrer Anstellung in der jeweiligen Stadt bleiben. Die daraus möglichen Folgen für Lehrer lassen sich, belletristisch aufbereitet, bei Valentin Senger: „Die Buchsweilers“ nachlesen.

Der Schutzbrief war ein Vertrag, an dessen Zustandekommen beide, der jüdische Aufnahmesuchende und der Territorialherr beteiligt waren. Wobei der Territorialherr, der das Judenregal besaß, in den meisten Fällen in der stärkeren Position war. Doch das Primat des Fiskalischen, das damals die Judenpolitik vieler kleiner Landesherrschaften bestimmte, verschaffte den Juden bisweilen eine starke Verhandlungsposition, die sie oft zu ihren Gunsten nutzen konnten. In der Regel und so lange sie denn dort leben konnten, gelang es, eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage und des rechtlichen Status abzuwenden. Dies gilt um so mehr nach Entstehung der bereits weiter oben beschriebenen Landjudenschaften. Gleichwohl mussten die genannten Bedingungen des Schutzstatus fast zwangsläufig zu Verarmung und Verelendung der jüdischen Händler führen.

Viehhandel

Zum zünftig organisierten Handwerk waren Juden nicht zugelassen, Ärzte, Optiker oder (Thorah)Schreiber lebten eher selten am Land. Eine geringe Anzahl war als Lehrer, Schächter oder Vorsänger bei den jüdischen Gemeinden angestellt. Diese Ämter waren jämmerlich bezahlt und wurden deshalb in der Regel von einer Person ausgeübt, so dass sie keine berufliche Alternative zum Handel boten. So blieben als vorherrschende Erwerbszweige über lange Zeit hinweg „Nothhandel“, der Beruf des Metzgers und – noch länger -Viehhandel. Noch 1917 schätzte Hermann Daniel, der Vorsitzende des „Bundes der Viehhändler in Deutschland“, dass von den 40000 Viehhändlern im Reich 25000 Juden seien.

Die Gersfelder Viehmärkte fanden jährlich am 14. März und jeweils am zweiten Dienstag nach Ostern oder Pfingsten statt. Fiel aber der 14. März auf einen Freitag oder auf einen jüdischen Feiertag, wurde der Viehmarkt am Mittwoch zuvor abgehalten. Ähnliches wird aus vielen anderen Klein-, selbst Mittelstädten, berichtet.

Nun ist die Dominanz in dieser Brache nichts, was Erstaunen hervorrufen könnte. Des Schächtgebots wegen hatten Juden schon immer um ihr eigenes Fleisch Sorge zu Tragen. Folglich mussten sie überall dort, wo sie lebten, Vieh kaufen und schlachten. Dies bedangen sie sich in den Schutzverträgen auch ausdrücklich aus. Denn sonsten hätten sie sich an diesem Ort nicht niederlassen können. Ebenso wie das „Privileg“, die nicht verzehrbaren Teile an ihre christlichen Nachbarn zu verkaufen.

Nothhandel“ – Hausierhandel: Der Hausierjude

Die neue Berufsstruktur schuf einen neuen Typus: Den Hausierjuden, der unter der Woche geschäftlich unterwegs war und am Freitag nachmittags wieder nach Hause kam. Da Landbesitz bis auf wenige Ausnahmen verboten war, konnten keine Ladengeschäfte geführt werden. Haupttätigkeit war einerseits der Verkauf der ländlichen Agrarprodukte wie Vieh -auch Pferde-, Getreide, Samen und Futtermittel und regional unterschiedliche Güter wie Tabak, Holz, Hopfen oder Wein. Im Gegenzug brachten sie aus den Städten Fertigwaren wie Textilien, Schuhe oder Eisenwaren zurück.

Das schreibt sich so leicht dahin, doch es war gerade für die armen „Nothandel“ Betreibenden ohne Fuhrwerk – oder später die Eisenbahn – eine kräftezehrende Arbeit. Um 1770 schrieb ein Hausierjude auf, dass er“ innerhalb einer Woche für Straub von Grübingen ein Kalb nach Reichenbach geführt, in Wankheim ein Buch und für 2,5 Gulden zu Tübingen alte Mannskleider gekauft, von dem Metzger Jerg zu Göppingen auf eine Schuld von 12 Gulden eine alte Kuh im Wert von 7 Gulden eingehändigt bekommen, dort für 30 Kreuzer ein leinenes Hemd und für 12 Kreuzer Strümpfe verkauft, von Feiste Steppich für 6 Kreuzer einen Zaumstrick erhalten und endlich im Auftrag und auf Rechnung der Judengemeinde einiges Bauholz von da nach Jebenhausen geschafft habe und dafür 24 Kreuzer erhalten hat.“ (Rohrbacher 1)

Für die 24 Kreuzer konnte er zu dieser Zeit zwei Roggenbrote und ein Pfund Butter kaufen. Und Metzger Jerg schuldete ihm noch immer 300 Kreuzer. Damit ist eine der Funktionen der jüdischen Händler deutlich geworden: Vor Einrichtung der ländlichen Darlehenskassen ab etwa 1860 waren sie im jeweiligen Rahmen Kreditgeber der unteren bäuerlichen Schichten. Und so wurden denn Vieh- und Kleinhändler nach jeder Agrarreform oder -krise Opfer von antisemitischen Angriffen. In ihnen traten die traditionell vorhandene Judenfeindschaft und die Missachtung des Geldverdienens durch „Herumlaufen und Reden“ offen zu Tage.

Die Hauptfunktion, „das „Herumlaufen und Reden“, war die Vermittlung zwischen Stadt und Land, von Export und Import. Der Hausierhandel bot, wenn auch zumeist an der Grenze des Existenzmini-mums, eine Verdienstmöglichkeit, weil er wesentliche infrastrukturelle Lücken für die Landbevölkerung schloss.

Die Bürgermeisterei Aldenhoven hatte um 1860 insgesamt 3.012 Einwohner. 2.837 Katholiken, 127 Juden und 48 Protestanten, also stellten die jüdischen Einwohner ca. 4% der Bevölkerung.
In einem in jener Zeit aufgestellten Nachlassinventar einer jüdischen Kleinhändlerin aus diesem Dorf im Jülicher Land wird angegeben, dass ein Raum ihres Hauses als „Laden“ genutzt wurde. Der im Inventar aufgelistete Warenbestand gibt Einblicke in die Bedürfnislage ihres bäuerlichen Kundenkreises. Außer Tuchen verschiedenster Art umfasste er Handarbeitsartikel, Gewürze, Kaffee, Pfeifen, Tabak als Fertigprodukt und einige Brillen. (Pankoke/Grübel 2)

Die „bürgerliche Verbesserung“

Das aber war schon nach 1831, als die Staatsregierungen im Rahmen ihrer Emanzipationskonzepte die „bürgerliche Verbesserung“ der Juden zu anstrebten.. Diese zielten vor allem auf die Erwerbs- und Berufsstruktur ab und wurden unter der Intention der“ Produktivierung“ zsammengefasst. Jenem Gedanken also, der die Landbevölkerung veranlasste, das „Herumlaufen und Reden“ zu verachten.

Die Juden sollten von den „unproduktiven“ Gewerben abgezogen und den „produktiven“ Berufen, sprich: der Landwirtschaft und dem Handwerk zugeführt werden. In der monostrukturellen Erwerbstätigkeit sah man die wesentliche Folge der Sonderstellung der jüdischen Bevölkerung. Da diese Sonderstellung von der Aufklärung milieutheoretisch erklärt wurde, erhoffte man sich von der gezielten Veränderung der Berufsstruktur einen Schritt hin zur Assimilierung der Juden.

Die in diesem Kontext vorgenommenen Modifikationen der Judenordnung zielten deutlich auf die Schutzjuden ab. Betteljuden, die ihre Schutzbriefe nicht zahlen konnten und von zu Gemeinde zu Gemeinde wanderten, wurden ausgeschlossen. Die neuen Intentionen sahen für sie keine Möglichkeiten der Integration vor. Das gezielte Vorgehen gegen die Betteljuden setzte nicht zufällig zeitgleich zu den Emanzipationkonzepten für Schutzjuden ein.

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