Schnipsel, Spurensuche, Traces

Zunächst hatte ich einen Schnipsel, eine Heiratsanzeige aus „Der Israelit“ vom 16. Dezember 1926 in der Hand. Da ihr Name in der ortspolizeilich geführten Liste nicht aufgeführt war, begann ich zu suchen.
Das habe ich bisher gefunden:

Am 22. Dezember 1926 heiratet Else Bella Karpf den niederländischen Kaufmann Eduard Anholt. Die Feier findet in der elterlichen Wohnung Karpf, Bahnhofstrasse 24, statt. Vater Josef Karpf betreibt hier eine Firma, die mit landwirtschaftlichen und gewerblichen Maschinen handelt.

Das junge Paar, sie 22, er 24 Jahre alt, zieht anschließend nach Rotterdam. Sie bekommen drei Kinder: Der erste Sohn, Emanuel (benannt nach seinem Großvater väterlicherseits) wird am 27. Oktober 1927 in Rotterdam geboren; der zweite, Josef (benannt nach dem Großvater mütterlicherseits), am 20. Januar 1929. Als Hanna am 17. September 1937 geboren wird, ist die Familie bereits nach Zwolle verzogen. Dort hin ziehen zwischen Dezember 1933 und März 1939 auch die Eltern und Geschwister Karpf.

Als die Nazis 1940 die Niederlande besetzen, leben in Zwolle etwa 800 Juden. Am 14. April 1943 werden sie wie alle anderen der Provinz Nordbrabant, aufgefordert, sich in das Lager Vught zu begeben. Die Familie Anholt folgt dieser Aufforderung nicht und taucht unter. Damit steht sie auf einer Liste von 44 namentlich bekannter Untergetauchter aus Zwolle.
Dennoch wird sie einige Tage später gefunden und nach Vught verschleppt und von Westerbork aus nach Sobibor deportiert. Eduard Anholt stirbt dort am 7. Mai 1943. Seine Eltern überleben die „Endloesung“. Else-Bella Anholt Karpf und die Kinder werden am 28. Mai 1943 in Sobibor ermordet.

Ihre Eltern und Geschwister folgen ihr in unterschiedlichen Zeitabständen:

  • Heinz, geboren am 13. April 1915, reist bereits am 27. Dezember 1933 nach Zwolle.
  • Ihm folgt Julius,geboren am 27. Dezember 1902 und mittlerweile Inhaber des väterlichen Betriebs etwa einen Monat später, am 23. Januar 1934
  • Josef, der Vater, geboren am 21. Dezember 1873 in Gersfeld, meldet sich am 20. Dezember 1938 nach Zwolle ab.
  • Karoline, nee Stern, Else Bellas Mutter, geb. am 18. Juni 1877 in Neustadt, kann am 15. März 1939 Deutschland verlassen.
  • Fritz Karpf, geboren am 31. August 1906 in Fulda meldet sich am 1. April 1939 nach Krefeld (nahe Grenze) ab. Offensichtlich gelingt ihm der inoffizielle Grenzübertritt in die Niederlande. Denn das letzte, was wir von ihm wissen, ist, dass er gleich seinen Eltern und Geschwistern von Westerbork aus nach Sobibor deportiert und dort ermordet wurde.
Advertisements