Menschen

Menschen also. Menschen die mir gefallen, Menschen die mir weniger gefallen und Menschen, die ich nicht leiden kann. So richtig nicht.

Ich beginne mit einigen meiner Lieblingsmenschen. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie Gutmenschen sein müssen. Ich mag sie halt. Oder kann jemand Hedy Lamarr nicht leiden? Die Frau sah nicht nur ober-gut aus, sondern war obendrein eine der Erfinderinnen des Internet. Sie unterstützte die Anti-Hitler-Koalition nicht nur moralisch und finanziell, sondern entwickelte gemeinsam mit anderen neue Kriegswaffen.

Emanuel Ringelblum. Das Untergrund-Archiv des Warschauer Ghettos. Oneg Shabbat. Sein Name ist untrennbar damit verbunden. Er baute das Netz aus Forschern, Wissenschaftlern und „einfachen Schreibern“ auf. Sie schrieben und dokumentierten und starben. Doch was sie nieder schrieben, lebt bis heute fort und wird weiter fort leben. Was soll ich dazu schreiben. Das können andere besser.

Hannah Arendt. Damit sind wir in der Bommel’schen Ikonografie. Für ihr Statement im Gaus-Interview könnte ich sie umarmen: “ . . . Sehen Sie, es gibt Leute, die nehmen mir eine Sache übel, und das kann ich gewissermaßen verstehen: Nämlich, daß ich da noch lachen kann. Aber ich war wirklich der Meinung, daß der Eichmann ein Hanswurst ist, und ich sage Ihnen: Ich habe sein Polizeiverhör, 3600 Seiten, gelesen und sehr genau gelesen, und ich weiß nicht, wie oft ich gelacht habe; aber laut! Diese Reaktion nehmen mir die Leute übel! “ Bis heute.

Hedy Lamarr
Hedy Lamarr
Emanuel Ringelblum
Emanuel Ringelblum

Hannah Arendt
Leo Trepper
Leo Trepper
Hilde Spiel
Hilde Spiel
Victor Serge
Victor Serge

Leo Trepper. Rote Kapelle. Der „Grand Chef“. Ihm erging es wie vielen seiner Mitkämpfer gegen die Nazis. Hinterher hatten sie Angst vor den ehemas eigenen Leuten. In den Fünfzigern reichte es schon, den Namen Noel Field gehört zu haben und schon war man Kosmopolit, Zionist und Verräter. Fünfte Kolonne. Trepper fiel der zweiten antisemitischen Welle in den Spätsechzigern zum Opfer. Er überlebte es und wanderte aus. Nach Israel. Zionist war er wirklich nicht.

Hilde Spiel. Journalistin, Essayistin, Romancière. Die „Grande Dame“. Und das war sie wirklich. Diese frühreife Pflanze des Café Herrenhof schmuggle ich hier ein. Gegen Ende ihres Lebens bedauerte sie, zuviel publiziert und zu wenig geschrieben zu haben. Aber WAS sie geschrieben hat: Ich lege jedem „Die Dämonie der Gemütlichkeit“ ans Herz – und an den Kopf. Man merkt es: Bommel’sche Ikonografie.

Victor Serge. Bitter arm in Belgien aufgewachsen. Anarchistischer Herumtreiber. Von Beruf Revolutionär – so der Titel einer Biografie. Ging 1918 in die Sowjetunion. Freiwillig und gern und begeistert und voller Tatendrang. Er überstand die erste „Säuberung“ von anarchistischen Elementen. Die trotzkistischen „Säuberzungen“ verbrachte er zeitweise im Gefängnis. Die 36/37er-„Säuberung“ wartete er nicht zu Ende ab. Er floh in den spanischen Bügerkrieg. Danach in den Widerstand nach Frankreich. 1941 kam er gerade noch so nach Mexico. Und dort war es auch nicht nur schön für ihn. Welch ein Leben. Chapeau Comrade. Shalom Monsieur.

Das Interview von Günter Gaus mit Hannah Arendt von 1964

„Liebe Leserin, Bücher wie dieses hier werden in Rezensionen oft ‚erschütternd‘ genannt. Der Ausdruck bietet, ja er biedert sich an. Ein Rezensent, der so über meine Erinnerungen schreibt, hat nicht bis hierher gelesen.“
Dieser für Ruth Klüger typische Satz steht in ihrer Autobiografie „weiter leben. Eine Jugend“. Sie wehrt sich , wenn man ihr sagt, dass sie ja noch Glück gehabt habe, wenn sie mit ihrer Mutter wieder aus Auschwitz heraus gekommen sei. Und danach in die USA auswandern konnte. So habe sie die schrecklichen Hungerjahre nach dem Krieg in Deutschland nicht erleben müssen. So sagt sie denn auch ihre „Dresdner Rede“ vom 13. Februar 2005 ab. Denn der 13. Februar als Jahrestag der alliierten Bombardierung Dresdens ist fester Termin in rechtsradikalen Kalendern. So fühlte sie sich fehl an einem Platz, an dem ein paar tausend Neo-Nazis aufmarschierten. Und teilte dies auch mit.

Der Ungar Sandor Rado dient nach der Matura in der Doppeladler-Armee. 1919 ist er Politkommissar in der ungarischen Räterepublik, flieht nach Österreich, studiert Kartografie in Wien, Jena und Leipzig. Seine Arbeiten sind begehrt bei Verlagen, er veröffentlicht überwiegend in Deutschland. 1933 flieht er zunächst nach Paris, 1936 lässt er sich in der schweiz nieder. Dort gründet er die kartografische Agentur „Geopress“, in die er später die Gruppe „Dora“ der „Roten Kapelle“ nahtlos integrieren kann. Bekannt ist jenes Radiogramm, in welchem am 18. Juni 1941 der Tag und die Uhrzeit des deutschen Angriffsbeginns gegen Sowjetrussland gemeldet werden.
Nachdem „Dora“ aufgeflogen ist, flieht er über Paris und Kairo in die Sowjetunion. Dort ergeht es ihm wie den meisten anderen jüdischen Kämpfern: Er wird interniert. Nach seiner Freilassung 1955 erfährt er, dass seine gesamte Familie von den Nazis ermordet wurde.

„Die Menschen denken, dass sie Filme wie ‚Pretty Woman‘ sehen möchten. In Wirklichkeit warten sie auf einen Film, der mehr als eine bloße Beleidigung für jeden halbwegs intelligenten Menschen ist.“
Wie soll aus diesem Kind etwas vernünftiges werden? Die Eltern der kleinen Winona Ryder leben in einer der typischen Hippie-Kommunen der siebziger Jahre ohne fließend Wasser und Strom. Allen Ginsberg und Timothy Leary waren Stammgäste und statt zur Synagoge ging man zur Demo.
Immerhin scheinen die Eltern etwas gelernt zu haben, denn sie untersagten der gerade mal Siebzehnjährigen die Ehe mit Johnny Depp. Obwohl- oder vielleicht gerade weil – sie das heisseste Paar der Neunziger waren. Etwa so wie heute Angelina Jolie und Brad Pitt. Sie war das Gesicht der Neunziger, später griff sie zu Drogen und klaute. Aber sie hat es überstanden und ich bin gespannt, wie sie sich weiter entwickelt.

Ruth Klueger
Ruth Klüger
Sandor Rado
Sandor Rado
Winona Ryder
Winona Ryder
Gershom Scholem
Gershom Scholem
Lise Meitner
Lise Meitner
Mikhail Tal
Mikhail Tal

Anlässlich der Herausgabe einer Festschrift für Margarete Susmann schrieb Gershom Scholem dem Verleger am 18. Dezember 1962: „. . . so entschieden muß ich mich der Einladung versagen, jener mir unfaßbaren Illusion von einem „im Kern unzerstörbaren deutsch-jüdischen Gespräch“ Nahrung zu liefern, der diese Schrift nach ihrer Bestimmung dienen soll. Gestatten Sie mir, mich darüber näher zu erklären.“ (Text hier)
Der Katzenliebhaber, der überwiegend durch seine Schriften zur Kabbalah bekannt wurde, widersprach dem Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch vehement. Schließlich waren es die Juden, die in den knapp 130 Jahren, die zwischen der Öffnung der Ghettos und der „Machtergreifung“ lagen, die sich den Deutschen immer wieder andienten. Und dabei zumeist auf taube Ohren stießen.

Lise Meitner; „Du wirst Dich vielleicht erinnern, daß ich, als ich noch in Deutschland war, (und heute weiß ich, daß es nicht nur dumm, sondern ein großes Unrecht war, daß ich nicht sofort weggegangen bin) Dir oft sagte: Solange nur wir die schlaflosen Nächte haben und nicht Ihr, solange wird es in Deutschland nicht besser werden. Aber Ihr hattet keine schlaflosen Nächte. Ihr habt nicht sehen wollen, es war zu unbequem.“ Brief an Otto Hahn im Juni 1945. Er hat diesen Brief nie erhalten.
Wäre Lise Meitner ein Mann gewesen, hätte sie den Nobelpreis bekommen. Den hat Otto Hahn, mit dem sie zwölf Jahre zusammen arbeitete, erhalten. Einigen Zeitungen zufolge soll sie ihre Antrittsvorlesung in Berlin über „Probleme der kosmetischen Physik“ gehalten haben. 1922 war es Vielen nicht vorstellbar, dass eine Frau über kosmische Physik referierte, geschweige denn dazu forschte.

„Erst opfern, dann rechnen“. So hat Mikhail Tal gespielt und so hat er gelebt. Abusiv. Nun schön, „unkonventionell“ klingt netter, trifft es aber nicht. Als er fünf Jahre alt war, musste die Familie Hals über Kopf vor den Deutschen aus Riga fliehen. Mit sieben begann er Schach zu spielen. Mit 23 war er Weltmeister. Ein Jahr später war er der jüngste Ex-Weltmeister aller Zeiten.
Er war ein mit vielen Talenten Ausgestatteter. Er kannte sich nicht nur in der russischen, sondern auch in der Weltliteratur sehr gut aus. In den späteren Jahren nutzte er seine Literatur- und Sprachkenntnisse für seine Arbeit als Schachkommentator. Er fand großen Beifall sowohl bei den Schachprofis als auch bei den einfachen Schachinteressierten. Und er war ein kranker Mann, der 1992 mit 56 Jahren starb. Erst opfern, dann rechnen.

Und dann hätte ich noch anzubieten: Gabriel. Er ist der Schammes hier. Ansonsten Ausbilder und Lehrer. An der „Restschule“, wie viele so gerne sagen. Der Jüngste ist er auch nicht mehr, wie man sieht: 55.
Meistens ist er ganz verträglich. Frum? Nein. Hat aber Chabad-Freunde. Und zwei Kühlschränke.
der Schammes im Bomelblog
Advertisements

4 Gedanken zu “Menschen”

  1. Berta sagte:

    Wozu zwei Kühlschränke? Soll das ein Hinweis auf eine spezielle Note sein? 😉
    Die Frommen haben meistens nur einen.

  2. Hallo Berta,

    und ob das eine persönliche Note ist. Ich wohne gern in WG’s, sehe meinen (einen) Kühlschrank aber als allein mir zugehörig.

    Liebe Grüße
    Bommel

  3. Elizabeth sagte:

    I found the list Recha Hess wife of brother of my great-grandmother, did not know she went to Sobibor.
    The family of my great-grandmother is Hess of Fulda.

  4. Dorothee sagte:

    Ich suche Informationen über Paul Halberstadt, geboren am 16. April 1873 in Fulda, laut
    Eintrag in einem alten Siddur, das B. Halberstadt. gehörte, vermutlich seinem Vater.

    Wegen des Geburtsdatums im Gedenkbuch vermute ich, dies ist derselbe:
    Halberstadt, Paul
    geboren am 16. April 1873 in Fulda / – / Hessen – Nassau
    wohnhaft in Berlin
    Deportationsziel: ab Berlin, Polizeigefängnis
    13. Januar 1942, Riga, Ghetto

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s