Juden in Deutschland – Hachsharah II

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Wenn sich denn schon Menschen für das interessieren, was ich da so schreibe, dann baue ich das auch gern weiter aus. Zunächst nehme ich mal den Kommentar mit all den Online-Hinweisen zu den Hachsharah-Stellen als regulären Beitrag. So sieht man es sofort beim Aufblättern und muss sich nicht erst zu den Kommentaren durchklicken.

Die obigen und die folgenden Hachsharah-Stellen wurden im „Arbeitsbericht der Reichsvertretung der Juden in Deutschland für das Jahr 1937“ veröffentlicht. Auf ihn beziehen sich Shalom Adler-Rudel („Jüdische Selbsthilfe unter dem Naziregime 1933-1939“), der ganz dicht an der Quelle saß und Gudrun Maierhof („Selbstbehauptung im Chaos: Frauen in der jüdischen Selbsthilfe“) eben so wie ich. Es handelt sich bei den Angaben des „Arbeitsberichts“ um die Zeitpunkt bezogene Bestandsaufnahme zum 31. Dezember 1937″. Die zusätzlichen Fundstellen hingegen betrachten retrospektiv.

Wir werden weiter sehen, wie viele Organisationen und Gruppierungen parallel und in unterschiedlichen Zeiträumen in der Hachsharah tätig waren und Martin Gersons Einsatz als Koordinator als durchaus notwendig verstehen. In diesem Zusammenhang wird auch zu erörtern sein, wehalb der unten stehende Auszug aus dem Artikel „Köln – Bild einer Gemeinde“ (Central-Vereins-Zeitung vom 11. Februar 1937)
vielleicht seltsam anmutet, die Wahrheit aber punktgenau trifft.

Der Raum wird knapp- Februar 1937

Ja, der Raum wurde knapp für Nicht-Zionisten. 1937 wurde es schwer, Häuser und Grundstücke zur Einrichtung von Ausbildungsstätten zu finden. Mieten war (nahezu) unmöglich und der Etat der Gemeinden und der Reichsvereinigung war katastrophal. Die Zionisten hatten etliche Jahre Vosprung.

Fortsetzung der Auflistung von Hachsharah-Ausbildungsstätten für Landwirtschaft und Gärtnerei

Adresse Organisation Bemerkungen
Altona-Rissen, Tinsdaler Kirchenweg 245 Hechaluz Berufsumschichtung
Bannacker bei Augsburg Hechaluz Berufsumschichtung
Berlin-Weissensee, Friedhofsgärtnerei frei kein Internat
Bomsdorf bei Bitterfeld BACHAD Erstausbildung
Ellguth bei Steinau in Oberschlesien Hechaluz Erstausbildung
Fischbach bei Augsburg Hechaluz Berufsumschichtung
Halbe, Mark, Teupitzer Chaussee 13 Makkabi Erstausbildung
Halberstadt, Wilhelmstraße 15 Noar Agudati rituell
Heilbronn, Frankfurterstraße 9 Hechaluz Berufsumschichtung
Freienstein, Post Pampow Makkabi Berufsumschichtung
Lehrensteinsfeld bei Heilbronn, Haus Thalheimer Hechaluz
Lobitten, Post Powunden bei Königsberg frei
Polenzwerder bei Eberswalde Betar beide Gruppen
Sennfeld bei Adelheim Werkleute Erstausbildung
Wilhelmshöhe bei Altona, Rissener Landstr. frei beide Gruppen

Selbsthilfe unter dem Naziregime 1933-1939 im Spiegel der Berichte der Reichsvertretung der Juden in Deutschland
Von Shalom Adler-Rudel
Veröffentlicht von Mohr Siebeck, 1974
221 Seiten
Liste der Ausbildungsplätze für Umschichtung und Erstausbildung ab Seite 199

Im Zusammenhang mit Frau Mintens Ausstellung könnte die Dissertation von Wiebke Dursthoffi nteressant sein:
Kibbutz und Bauhaus. Arieh Sharon und die Moderne in Palästina.
Online Ressource
Dursthoff, Wiebke;
Hannover (Deutschland, Bundesrepublik)
Selbstverlag
2010,IV,353 S.
tech.Diss; Univ. Hannover 2010

Hier der Link dort hin:
Bitte sehr

Mögliche ansätze zur Suche für einzelne Hachsharah-Stellen finden Sie auch an folgenden Orten:

aus: Jüdische Jugend im Umbruch nach 1933 – Schule, Freizeit, Beruf
hier

Schniebinchen – Jenni Aloni
Jenni Aloni

Gehringshof bei Hattenhof bei Neuhof bei Fulda
fuldawiki
Kaeppler

vier Stellen in Hessen
hier

Hachschara in Brandenburg
hier

Landwerk Neuendorf im Sande bei Fürstenwalde
hier
hier

Gut Winkel bei Spreenhagen:
Gut Winkel, Die schützende Insel; herausgegeben von Ilana Michaeli, Irmgard Klönne, Schocken 2003
hier auch eine gute Gesamt-Darstellung der Hachscharah von Ilka von Cossart/Ulrike Pilarczik (ab Seite 224)

Die Israelitische Gartenbauschule Ahlem bei Hannover
dort ein weiter führender Link
Ahlem II

Brüderhof bei Harksheide – wurde 1935 von der Reichsvertretung der Juden in Deutschland vom „Rauhen Haus“ angemietet – viele Infos zu Haluzim und Entwicklung der Hachsharah
Brüderhof

Landwerk Ahrensdorf bei Trebbin, in der heutigen Großgemeinde Nuthe-Urstromtal – etwa 30 km südlich Berlins
hier

dazu auch: (Projekt eines Gymnasiums)
hier

Jägerslust nahe Flensburg
hier

Steubenberg/ Hamburg
hier

Die nächste Gruppe des Arbeitsberichts umfasst Hachsharah-Lehrwerkstätten aber auch Lehrwerkstätten, die zur Ausreise nach Übersee vorbereiten, Lehrgänge und Kurse in den Branchen Bau, Metall, Holzverarbeitung und Elektro. Meine Aufstellung ist -mit Ausnahme Berlins- aus Platzgründen, eine sehr komprimierte Wiedergabe, die die vielfältigkeit der Berufsbilder auch nicht annähernd erfasst. Daher werden im direkten Anschluss daran weitere Erläuterungen gegeben und Fundstellen angeführt.

Adresse Organisation Ausbildung
Berlin
Siemensstadt, Nonnendamm 4 j. Gemeinde beide Gruppen
Fruchtstraße 74 j. Gemeinde beide Gruppen
Holzmarktstraße 53 j. Gemeinde Erstausbildung
Friedrichstraße 34 j. Gemeinde Vorlehre
Niederschönh., Wackenbergstr. 61-65 Reichsvertretung beide Gruppen
Siemensstraße 15 ORT beide Gruppen
Breslau j. Gemeinde Erstausbildung
Darmstadt Noar Agudati Erstausbildung
Dortmund j. Gemeinde Erstausbildung
Dresden j. Gemeinde Erstausbildung
Frankfurt am Main (mehrere) j. Gemeinde alle Gruppen
Hamburg (mehrere) j. Gemeinde beide Gruppen
Köln (mehrere) j. Gemeinde Erstausbildung
Leipzig (mehrere) j. Gemeinde Erstausbildung
Mannheim (mehrere) j. Gemeinde Erstausbildung
München (mehrere) j. Gemeinde Lehrwerkstatt

Jetzt fehlt noch:
Der Bereich Hauswirtschaft, Kinder- und Altenpflege
Ein Blickpunkt auf die Auslands-Hachsharah
Die Veränderung innerhalb der Berufsumschichtung zwischen 1933 und 1937
Warum der vorsprung der zionisten sich bis 1939 positiv auswirkte

SHANAH TOVAH

Zugegeben, von der Sonne ist nicht mehr viel zu sehen, doch der Sonnenuntergang begann hier heute schon um 11:30 Uhr.

Eines aber, bevor ich jetzt aus dem Haus gehe: Allen, die hin und wieder oder auch öfters hier herein sehen, wünschen wir ein gutes und ein süßes Jahr.

Bommel und der Schammes

Alles liegengeblieben . . .

Seit vier geschlagenen Wochen bastle ich mich jetzt durch die Vorbereitungen zu den mündlichen und praktischen Abschlussprüfungen. Und es werden noch zwei weitere werden. Wochen.

Neben meinem Schreibtisch steht ein Akten-Wägelchen. Darin befindet sich auch, was so alles liegengeblieben ist:

Die Rhöner Landjuden
Die Zivilehe in Israel
Halle
Die Chronologie
Einige Literaturempfehlungen
Die Links zu Birobidzhan

Und Winona Ryder ruft auch nicht an . . .

Ich sehe schon: Es muss dringend etwas geschehen, um mich etwas aufzumuntern

Danke, meine Russen

Ich habe hier des öfteren genörgelt, mich bisweilen wie der (fast) letzte deutsche Mohikaner unter (fast) nur Russen zu fühlen. ( Genau so undifferenziert lasse ich es jetzt hier stehen).

Jetzt aber danke ich ihnen. In den letzten acht arbeitsreichen harten Wochen haben sie mich zum Essen herum gereicht. Nicht, dass ich ansonsten verhungert wäre. Doch es ist eines, zu Hause mal eben schnell etwas in sich hinein zu stopfen. Das Andere ist die Herzlichkeit und die Freude „meiner“ Russen, etwas für mich und das auch noch gerne, zu tun.

A sheynem Dank
Ssbassiba.

Jüdische Rechtsanwälte im NS-Staat

Am 29. Januar 2007 fand in Berlin die Gedenkveranstaltung „Anwälte erinnern“ statt. Anlass war die Einweihung des Denkmals zum Gedenken an die durch den Nationalsozialismus umgekommenen Rechtsanwälte.

Die Liste der Rechtsanwälte habe nun hier auf einem meiner Streifzüge gefunden.

Ich habe die Namen nicht gezählt, doch die Liste ist 52 Seiten lang.

Zoff in Gemeinden – Essen

Sucht man in google nach der Jüdischen Gemeinde Essen findet man die üblichen Angaben: talmud.de, juden, de, zentralratdjuden.de, religion-online.de undsoweiterundsofort. Jeweils auch mit Hinweis auf eine eigene Homepage. Oder auch auf keine.

An allererster Stelle steht „Jüdische Gemeinde“ neben einer Google-Map-Abbildung und einem Link: toldot.ru. Spannend. Toldot Jeshurun ist bekannt. Nicht meine Fraktion, aber immerhin deutlich. Auf der Seite von Toldot Jeshurun finde ich dann auch zwei deutsche Standorte, Beis Midrash d’Berlin und Beis Midrash Stuttgart. Nicht jedoch Essen.

Da war doch was.

Richtig: Johann L. Juttins bereist für die Jüdische Zeitung einige Orte, in der Dezember-Ausgabe 2009 schrieb er über Essen. Dort steht wohl noch immer Jewgenij Budnizki der Gemeinde vor. Private Dinge gehen mich nichts an, andererseits: wenn jemand eine jüdische Gemeinde repräsentiert, sollte er vielleicht doch seine persönliche Lebensführung daran anpassen.

Nach zwei Jahrzehnten noch immer kein Rabbiner? Nun ja, vielleicht verlässt man sich in der mehr als 900 Mitglieder starken Gemeinde auf Toldot Jeshurun, die haben ja 350. Aber vielleicht doch eher anderswo?

Dann hörte ich das Telefon-Interwiev des „Erle“-Journalisten Hans-Joachim Steinsiek mit Michal Gaisman (2007?), die der Führung dieser Gemeinde wegen offiziell aus der Gemeinde austrat.

Nicht, dass man mich falsch versteht: Ich habe durchaus etwas für russische Kulturvereine übrig. Doch öffentliche Mittel sollen den in den Staatsverträgen festgelegten Zwecken dienen.

Jud Süß entlastet Ferdinand Marian

Eigentlich ist das doch eine schöne Sache: 1940 bringen deutsche Fimschaffende das Lichtspiel „Jud Süß“ in die Kinos. 70 Jahre später machen sich andere deutsche Filmschaffende Gedanken darüber, wie gewissenlos sie diesen Film finden. Eigentlich eine schöne Sache. Als Ergebnis ihres Nachdenkens bringen sie dann „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ in die Kinos.

Zugegeben: Es lässt sich trefflich über etwas herziehen, das man selbst nicht gesehen hat. Und nach lesen der Erstkritiken der letzten Woche wird das auch so bleiben. Schließlich gibt es Dinge, die man tun muss, Dinge, die man tun kann und Dinge, die man nicht tut. Ich packe meinen gedanklich generell als möglich zu erachtenden Besuch des 2010ers in die dritte Kategorie.

Doch worum, nein: Um wen geht es? (Tatsächlich geht es um etwas, dazu aber später.)

Der Film tut so, als handele er von Ferdinad Marian, dem Darsteller des Joseph Süß Oppenheimer im 1940er. Dem Wiener Striezzi, der so gern denen da oben gefallen will. Der es liebt, die Zuschauer aus dem Kinosessel zu heben. Von seinen Gewissensqualen, diese Rolle letztlich doch angenommen zu haben. Von seinem Leiden, immer wieder mit dieser Rolle identifiziert zu werden und darob dem Trunke zu verfallen zu sein. Von seinem Tod durch einen tragischen Autounfall, „unter nie geklärten Umständen“. Was habe ich gelacht.

Aber nur bis zu diesem Punkt.

Denn jetzt las ich, dass der Regisseur so frei sei, Marian eine jüdische Ehefrau zur Seite zu stellen. Diese sei von Deportation bedroht, so Marian die Rolle nicht annehme. Und damit nicht genug, verberge er obendrein, so Regisseur und Drehbuchautor, einen Juden im Keller (oder Gartenhaus? Egal, Hauptsache Juden verbergen), was das Hausmädchen, eine grässliche Nazisse, der Gestapo petze.

Ich wollte schon weiterlachen, doch eben gerade blieb mir das Lachen im Halse stecken. Denn mir dämmerte, was da verbraten wird, um was es da wirklich geht. Da werden Entschuldigungsgründe gesucht. Und wenn man keine findet, bastelt man sie sich. Und was zieht in einem deutschen Film für deutsches Publikum – mit leichtem Seitenblick auf internationales – besser, als den tragischen Helden mit Angehörigen der gefährdetsten Personengruppe zu verbinden. Das geht doch zu Herzen. Und schafft Entlastung.

Übrigens hat Friedrich Knilli, Autor des Buches „Ich war Jud Süß“ und wohl einer der besten Kenner Marians, schon vor der Premiere gegen die „verfälschende Heroisierung und Verkitschung“ (Berliner Zeitung 19. 2. 2010) protestiert.

Objektiver als ich hier berichtet die „Süddeutsche“ über die Premiere.

Juden in Deutschland -Landjuden 3

Teil III: Das Leben auf dem Land (1)

Juden waren verfassungsrechtlich keine Untertanen, sondern hatten den Status von Schutzjuden. Von den Gemeinderechten waren sie weitgehend ausgeschlossen. Sie können grob in verschiedene Statusgruppen unterteilt werden:

1.) Jene Wenigen, die den Vorzug eines Generalprivilegs (Ausnahmerecht) hatten, konnten sich an allen für Juden zugelassenen Orten niederlassen, umziehen und Häuser erwerben. Sie standen gleich mit den christlichen Kaufleuten im Handel und Vererbung dieser Privilegien an alle Kinder. Einige Mitglieder dieser Gruppe besaßen sogar das verbriefte Bürgerrecht. Angehörige dieser Gruppe lebten nur äußerst selten auf dem Lande.

2.) Gewöhnliche Schutzjuden hatten kein rech auf freie Wohnungswahl und nur ein Kind konnte den Status des Vaters erben. Einem zweiten Kind wurde der Schutz nur gewährt, wenn er mindestens eine Geldsumme von 1000 Talern besaß, einem dritten Kind, wenn er 2000 Taler besaß. Ansonsten musste der dritte Sohn woanders einen eigenen Schutzbrief erwerben.

3.) Außergewöhnliche Schutzjuden konnten ihren Status nicht auf ein Kind übertragen; es blieb auf ihre Person beschränkt. Zu dieser Gruppe zählten u.a. Ärzte, Maler, Drucker und Optiker.

4.) Die vierte Gruppe bestand aus den offiziellen Gemeindevertretern (z.B. Rabbiner, Rabbinerhelfer, Haupt- und Hilfskantor, Schulklopper und Schammesim). Ihnen war verboten sich an Handelsgeschäften zu beteiligen. Sie hatten den Status der außergewöhnlichen Schutzjuden, konnten ihr Privileg also nicht vererben.

5.) Juden, die in keiner Weise geschützt waren, sondern nur geduldet, gehörten der fünften Gruppe an. Sie hingen von der Fürsorge und dem Wohlwollen eines Angehörigen einer geschützten Gruppe ab. Sie waren ausgeschlossen von Handels- und Berufstätigkeiten und durften nur in eine Familie der beiden höheren Klassen einheiraten. Kinder der gewöhnlichen Schutzjuden, die diesen Status nicht erben konnten sowie Kinder der Gemeindevertreter zählten zu den ungeschützten Juden.

6.) Die niedrigste Klasse bestand aus den privaten Angestellten. Sie durften nicht heiraten und nur für die Dauer ihrer Anstellung in der jeweiligen Stadt bleiben. Die daraus möglichen Folgen für Lehrer lassen sich, belletristisch aufbereitet, bei Valentin Senger: „Die Buchsweilers“ nachlesen.

Der Schutzbrief war ein Vertrag, an dessen Zustandekommen beide, der jüdische Aufnahmesuchende und der Territorialherr beteiligt waren. Wobei der Territorialherr, der das Judenregal besaß, in den meisten Fällen in der stärkeren Position war. Doch das Primat des Fiskalischen, das damals die Judenpolitik vieler kleiner Landesherrschaften bestimmte, verschaffte den Juden bisweilen eine starke Verhandlungsposition, die sie oft zu ihren Gunsten nutzen konnten. In der Regel und so lange sie denn dort leben konnten, gelang es, eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage und des rechtlichen Status abzuwenden. Dies gilt um so mehr nach Entstehung der bereits weiter oben beschriebenen Landjudenschaften. Gleichwohl mussten die genannten Bedingungen des Schutzstatus fast zwangsläufig zu Verarmung und Verelendung der jüdischen Händler führen.

Viehhandel

Zum zünftig organisierten Handwerk waren Juden nicht zugelassen, Ärzte, Optiker oder (Thorah)Schreiber lebten eher selten am Land. Eine geringe Anzahl war als Lehrer, Schächter oder Vorsänger bei den jüdischen Gemeinden angestellt. Diese Ämter waren jämmerlich bezahlt und wurden deshalb in der Regel von einer Person ausgeübt, so dass sie keine berufliche Alternative zum Handel boten. So blieben als vorherrschende Erwerbszweige über lange Zeit hinweg „Nothhandel“, der Beruf des Metzgers und – noch länger -Viehhandel. Noch 1917 schätzte Hermann Daniel, der Vorsitzende des „Bundes der Viehhändler in Deutschland“, dass von den 40000 Viehhändlern im Reich 25000 Juden seien.

Die Gersfelder Viehmärkte fanden jährlich am 14. März und jeweils am zweiten Dienstag nach Ostern oder Pfingsten statt. Fiel aber der 14. März auf einen Freitag oder auf einen jüdischen Feiertag, wurde der Viehmarkt am Mittwoch zuvor abgehalten. Ähnliches wird aus vielen anderen Klein-, selbst Mittelstädten, berichtet.

Nun ist die Dominanz in dieser Brache nichts, was Erstaunen hervorrufen könnte. Des Schächtgebots wegen hatten Juden schon immer um ihr eigenes Fleisch Sorge zu Tragen. Folglich mussten sie überall dort, wo sie lebten, Vieh kaufen und schlachten. Dies bedangen sie sich in den Schutzverträgen auch ausdrücklich aus. Denn sonsten hätten sie sich an diesem Ort nicht niederlassen können. Ebenso wie das „Privileg“, die nicht verzehrbaren Teile an ihre christlichen Nachbarn zu verkaufen.

Nothhandel“ – Hausierhandel: Der Hausierjude

Die neue Berufsstruktur schuf einen neuen Typus: Den Hausierjuden, der unter der Woche geschäftlich unterwegs war und am Freitag nachmittags wieder nach Hause kam. Da Landbesitz bis auf wenige Ausnahmen verboten war, konnten keine Ladengeschäfte geführt werden. Haupttätigkeit war einerseits der Verkauf der ländlichen Agrarprodukte wie Vieh -auch Pferde-, Getreide, Samen und Futtermittel und regional unterschiedliche Güter wie Tabak, Holz, Hopfen oder Wein. Im Gegenzug brachten sie aus den Städten Fertigwaren wie Textilien, Schuhe oder Eisenwaren zurück.

Das schreibt sich so leicht dahin, doch es war gerade für die armen „Nothandel“ Betreibenden ohne Fuhrwerk – oder später die Eisenbahn – eine kräftezehrende Arbeit. Um 1770 schrieb ein Hausierjude auf, dass er“ innerhalb einer Woche für Straub von Grübingen ein Kalb nach Reichenbach geführt, in Wankheim ein Buch und für 2,5 Gulden zu Tübingen alte Mannskleider gekauft, von dem Metzger Jerg zu Göppingen auf eine Schuld von 12 Gulden eine alte Kuh im Wert von 7 Gulden eingehändigt bekommen, dort für 30 Kreuzer ein leinenes Hemd und für 12 Kreuzer Strümpfe verkauft, von Feiste Steppich für 6 Kreuzer einen Zaumstrick erhalten und endlich im Auftrag und auf Rechnung der Judengemeinde einiges Bauholz von da nach Jebenhausen geschafft habe und dafür 24 Kreuzer erhalten hat.“ (Rohrbacher 1)

Für die 24 Kreuzer konnte er zu dieser Zeit zwei Roggenbrote und ein Pfund Butter kaufen. Und Metzger Jerg schuldete ihm noch immer 300 Kreuzer. Damit ist eine der Funktionen der jüdischen Händler deutlich geworden: Vor Einrichtung der ländlichen Darlehenskassen ab etwa 1860 waren sie im jeweiligen Rahmen Kreditgeber der unteren bäuerlichen Schichten. Und so wurden denn Vieh- und Kleinhändler nach jeder Agrarreform oder -krise Opfer von antisemitischen Angriffen. In ihnen traten die traditionell vorhandene Judenfeindschaft und die Missachtung des Geldverdienens durch „Herumlaufen und Reden“ offen zu Tage.

Die Hauptfunktion, „das „Herumlaufen und Reden“, war die Vermittlung zwischen Stadt und Land, von Export und Import. Der Hausierhandel bot, wenn auch zumeist an der Grenze des Existenzmini-mums, eine Verdienstmöglichkeit, weil er wesentliche infrastrukturelle Lücken für die Landbevölkerung schloss.

Die Bürgermeisterei Aldenhoven hatte um 1860 insgesamt 3.012 Einwohner. 2.837 Katholiken, 127 Juden und 48 Protestanten, also stellten die jüdischen Einwohner ca. 4% der Bevölkerung.
In einem in jener Zeit aufgestellten Nachlassinventar einer jüdischen Kleinhändlerin aus diesem Dorf im Jülicher Land wird angegeben, dass ein Raum ihres Hauses als „Laden“ genutzt wurde. Der im Inventar aufgelistete Warenbestand gibt Einblicke in die Bedürfnislage ihres bäuerlichen Kundenkreises. Außer Tuchen verschiedenster Art umfasste er Handarbeitsartikel, Gewürze, Kaffee, Pfeifen, Tabak als Fertigprodukt und einige Brillen. (Pankoke/Grübel 2)

Die „bürgerliche Verbesserung“

Das aber war schon nach 1831, als die Staatsregierungen im Rahmen ihrer Emanzipationskonzepte die „bürgerliche Verbesserung“ der Juden zu anstrebten.. Diese zielten vor allem auf die Erwerbs- und Berufsstruktur ab und wurden unter der Intention der“ Produktivierung“ zsammengefasst. Jenem Gedanken also, der die Landbevölkerung veranlasste, das „Herumlaufen und Reden“ zu verachten.

Die Juden sollten von den „unproduktiven“ Gewerben abgezogen und den „produktiven“ Berufen, sprich: der Landwirtschaft und dem Handwerk zugeführt werden. In der monostrukturellen Erwerbstätigkeit sah man die wesentliche Folge der Sonderstellung der jüdischen Bevölkerung. Da diese Sonderstellung von der Aufklärung milieutheoretisch erklärt wurde, erhoffte man sich von der gezielten Veränderung der Berufsstruktur einen Schritt hin zur Assimilierung der Juden.

Die in diesem Kontext vorgenommenen Modifikationen der Judenordnung zielten deutlich auf die Schutzjuden ab. Betteljuden, die ihre Schutzbriefe nicht zahlen konnten und von zu Gemeinde zu Gemeinde wanderten, wurden ausgeschlossen. Die neuen Intentionen sahen für sie keine Möglichkeiten der Integration vor. Das gezielte Vorgehen gegen die Betteljuden setzte nicht zufällig zeitgleich zu den Emanzipationkonzepten für Schutzjuden ein.

Triumph des Willens: Der Nazi-Bär

Tierschützer werden jetzt Sturm laufen, doch das auf dem Foto abgebildete allerliebste Bärli dient einem guten Zweck.

Susanne Rieger und Gerhard Jochem sitzen in Nürberg und machen sich unbeliebt. Und das machen sie prima. Sie betreiben gemeinsam seit 1999 die rijo-homepage. Damaliger Anlass waren wohl die Auseinandesetzungen um Entschädigungen für Zwangsarbeiter. Und so findet man denn auf ihrer Seite auch das “ Verzeichnis der Nachweise für NS-Zwangsarbeiter(innen) in Deutschland.

Daraus ist ein veritables Projekt geworden, mit einer Menge richtig guter Beiträge zur jüdischen Geschichte einiger bayerischer Städte, Bayerns und Deutschlands.

Guggen und Lesen!